Hunde verstehen - Soziale Einordnung

Soziale Einordnung

Vom Aufbau falscher sozialer Rollen-Verhältnisse...

 

Als Welpe war Bello ein so süßer Kerl, dem konnte man kaum etwas abschlagen. Wenn er an Menschen hochsprang, fanden die das putzig und streichelten ihn. Mit seinen spitzen Milchzähnchen konnte er seinen zweibeinigen Spielkameraden zwar ganz schön weh tun, aber die hielten so manches aus, damit sie klein Bello den Spaß nicht verdarben. Klar, er konnte es kaum erwarten, endlich Gassi zu gehen, also durfte er zuerst das Haus verlassen. Fiepte oder bellte er, weil es ihm nach Aufmerksamkeit zumute war, kam sofort jemand aus seinem menschlichen Rudel herbeigeeilt und streichelte ihn liebevoll mit beruhigenden Worten.

 

Als Junghund änderte sich aus Sicht von Bello Gott sei Dank nicht allzu viel. Lag er im Weg, balancierten seine Menschen um ihn herum, um ihn nicht zu stören. Besucher begrüßte Bello als Erster und ziemlich stürmisch, er war ja schließlich der Schnellste. Naja, und wenn er lang genug einen bestimmten Blick aufsetzte, bekam er ausnahmsweise auch mal einen leckeren Happen vom Tisch. Er lernte sowieso ziemlich schnell, wie er seinen Menschen dazu bringen konnte, mit ihm zu spielen, ihn zu streicheln, ihm die Terrassentür zu öffnen oder ihm sonst einen Gefallen zu tun. Andererseits hat  Bello auch schnell spitz gekriegt, dass gelegentliches Ignorieren von Kommandos dazu führte, dass er endlich in Ruhe gelassen wurde, um sich interessanteren Dingen zu widmen. Und dass er seinen Knochen und sein Futter verteidigte, ist ja verständlich. Ein fixierender Blick und ein böses Knurren und schon war die Sache geklärt. Wer lässt sich auch schon gerne etwas wegnehmen? Da der Gernegroß mit dieser Einschüchterungstaktik Erfolg hatte, verfestigte er sein Drohverhalten und baute es schließlich noch aus. Und so weiter und so fort.

 

Mögliche Folgen falscher Rollen-Verhältnisse...

 

Die meisten Bellos dieser Welt haben mit diesen Erfahrungen Folgendes gelernt: Ich bin hier das Familienoberhaupt, das den Rest der Gruppe nach Gusto manipulieren und maßregeln kann. Die uneingeschränkten Liebesdienste seiner Menschen fassen so hofierte Hunde als Beschwichtigungsgesten von Rangniederen auf. Fast unbemerkt hat Bello sich die Verwaltung der für ihn wichtigen Ressourcen wie Revier, Ruheplätze, Futter, Sozialpartner und Sozialkontakte unter den Nagel gerissen. Kein Wunder, dass der vierbeinige Chef dann auch mal seinen Menschen "korrigiert", um seinen hohen Status zu verdeutlichen. Zudem kann folgendes Fehl-Verhalten daraus resultieren:

 

  • Bello geht mit seinem Menschen spazieren und nicht umgekehrt
  • An der Leine begegnet Bello seinen Artgenossen nur unter aggressivem Gebell und Drohgebährden
  • Bello verteidigt drohend Futter, Spielzeug, angestammten Sofaplatz oder zunehmends seine menschlichen  "Schutzbefohlenen"
  • Bello empfängt den Besuch seines Menschen distanzlos mit lautem Gebell und Anspringen
  • Bello protestiert lautstark, wenn sein Zweibeiner die Wohnung verlässt
  • Bello hört nur auf Kommandos, wenn es ihm gerade passt
  • Bello zeigt eine unangemessen starke Territorial-Aggression
  • Bello orientiert sich, egal ob mit oder ohne Leine, lieber an seiner Umwelt als an seinem Menschen 
  • Bello knurrt seinen Besitzer drohend an, schnappt nach ihm oder beißt sogar zu

 

Diese Liste ist mit Sicherheit unvollständig. Und wie fast immer, hat ein bestimmtes Verhalten viele Ursachen. Eines spielt jedoch oft eine Rolle, wenn Bello meint, alles für sich und seinen Halter regeln und kontrollieren zu müssen. Sein Mensch hat die Führungsrolle unbewusst an Bello abgegeben. Ob er will oder nicht, der Vierbeiner hat nun alle Pfoten voll zu tun, um dieser Rolle gerecht zu werden. Er muss nicht nur für sich, sondern auch für seinen Zweibeiner Konfliktsituationen regeln und darf die Kontrolle über alles und jeden nicht verlieren. Dieser Hund kommt selten zur Ruhe, oft ist er komplett überfordert, ist instabil und unsicher. In manchen Fällen sogar ängstlich, verbunden mit sich steigernder Angstaggression.

 

Bello wünscht sich ein souveränes menschliches Leittier

---------------------------------------------------------------------------------------
Kaum ein Hund ist der Dauer-Verantwortung einer Führungsposition gewachsen. Schon gar nicht in unserer komplizierten zivilisierten Welt. Der Hund als Rudeltier sucht eine starke, souveräne Leitfigur, die ihn zuverlässig im Alltag anleitet, die für ihn Konflikte löst und die für Ruhe und Sicherheit sorgt. Hunde lieben Status und erwarten eine klare Positionierung innerhalb ihrer sozialen Gruppe. Als Fundament für soziale Sicherheit, Entspannung und psychische Stabilität. Die Aufgabe des Menschen ist es, ihm insbesondere auch im häuslichen Bereich von Anfang an mit klaren Vorgaben und eindeutiger Kommunikation genau das zu ermöglichen. Der Hund, der zu Hause Entscheidungsträger ist, wird auch draußen Schwierigkeiten haben, sich seinem Menschen anzuvertrauen und sich an ihm zu orientieren, wenn es darauf ankommt.

Definition Anführer nach dem anerkannten Verhaltensbiologen Udo Gansloßer: "Anführer ist derjenige, der den anderen bewegen oder einschränken kann und der die Ressourcen verwaltet. Er kann - muss aber nicht - jederzeit seine Interessen durchsetzen. Und zwar ohne Gewalt, Aggression, Wut oder Frust!"

 

Souveränes, ruhiges und besonnenes Handeln sind gefragt. Denn natürliche positive Autorität zeichnet sich durch psychische Überlegenheit aus und nicht durch physische Gewalt. Despoten, die Macht nur zu ihrem Vorteil missbrauchen, besitzen weder Sozialkompetenz noch Führungskompetenz.

 

Rangordnungsgesten oder Führ-Signale...

 

Wenn ein Wolf oder ein Hund eine bestimmte Status-Position gegenüber einem anderen Mitglied seiner Gemeinschaft hat, wird er diese Position durch Rang zeigende Gesten demonstrieren. Und zwar nicht ständig, sondern nur dann, wenn es nötig ist. Je stabiler die Status-Verhältnisse in einer Gemeinschaft sind, desto seltener ist dies der Fall. (Siehe Gansloßer: "Der Anführer kann - muss aber nicht - jederzeit seine Interessen durchsetzen.")

 

Und es gibt die so genannten Rang anmaßenden Gesten. Diese werden von Wölfen oder Hunden gezeigt, denen ein bestimmtes Verhalten innerhalb einer Zweierbeziehung eigentlich nicht zusteht. Die aber austesten wollen, wie weit sie gehen können. Der ranghöhere Hund hat in diesem Moment zwei Möglichkeiten zu reagieren: Er kann den Anderen auflaufen lassen, indem er dessen Verhalten ignoriert. Oder er wehrt das Verhalten ab, wenn er es nicht dulden will. Erst subtil als Verwarnung, dann deutlicher, wenn seine Botschaft nicht ankommt. Über das soziale Verhältnis zueinander entscheidet jedoch niemals eine einzelne Situation, sondern immer die Gesamtheit vieler Situationen.

 

Diese Spielregeln sollte auch der Mensch befolgen. Erfordert es die Situation, sollte auch er Rang anmaßende Gesten seines Hundes entweder ignorieren oder abwehren. Jedoch nicht (unbewusst) bestätigen, siehe Bello. Zum anderen ist es wichtig, dass der Mensch seinem Sofawolf in den entscheidenden Momenten Führ-Signale demonstriert. Das passiert, indem er ruhig aber bestimmt dafür sorgt, dass Regeln eingehalten sowie Anweisungen konsequent durchgesetzt werden. Ausschlaggebend ist zudem, dass die Fellnase auch im Alltag verlässlich von seinem Zweibeiner angeleitet wird. Mangelt es noch am Gehorsam, sollte sich der Vierbeiner dabei im Kontrollbereich seines Menschen befinden (Schleppleine, Hausleine), ansonsten macht sich der Zweibeiner schnell unglaubwürdig. Zudem sendet der Mensch Führ-Signale aus, wenn er für den Hund wichtige Ressourcen verwaltet.  Er ignoriert forderndes Verhalten, unterbindet respektloses Benehmen und wichtig: Er belohnt ruhiges und erwünschtes Verhalten.

Alle Regeln und Führ-Signale müssen individuell auf den Hund abgestimmt und immer neu angepasst werden. Denn: Je stabiler das soziale Rollen-Verhältnis ist und je mehr erwünschtes Verhalten gezeigt wird, desto weniger Regeln sind nötig und je mehr Privilegien sind erlaubt. Und umgekehrt. 

 

Fazit...


Eine Unterordnung, die vom Hund "Kadaver"-Gehorsam verlangt, ist out. Eine Einordnung in den Familienverband, in dem sich Mensch und Hund wohlfühlen, ist in

 

 

                                                                                                            weiter zu Ausdrucksverhalten