Hunde verstehen - Missverständnisse

Mensch-Hund-Kommunikation

Aggressionen an der Leine...


Hunde kommunizieren über Stimmung und Energie sowie Körpersprache und Geruch, erst in zweiter Linie über Laut-Signale. Die Vierbeiner versuchen also non stopp die Stimmung und Körpersignale ihres Menschen zu lesen, um Situationen einzuschätzen oder zu entziffern, was sein Mensch gerade von ihm will. Oft spielen 
Gerüche dabei eine ebenso große Rolle. Ein Beispiel ist hier der menschliche Angstschweiß, der der sensiblen Hundenase nicht entgeht. Aber auch eine schnellere Atmung, ein beschleunigter Herzschlag oder der situative Hormoncocktail, der die Erregung des Menschen anzeigt, dienen als Stimmungsindikatoren.

 

Menschen kommunizieren jedoch vornehmlich über Laut-Signale und sind sich oft nicht bewusst, wie sehr ihre Stimmung und Energie sowie ihre Körpersprache und Mimik auf den Hund wirkt. Hier entstehen die meisten Missverständnisse.

 

Praxis-Beispiel:
Bello ist eigentlich ein sozialverträglicher Hund. Neulich wurde er jedoch in eine Rauferei verwickelt, die war ziemlich laut. Herrchen hat es mit der Angst zu tun bekommen und Bello gleich abgebrochen und angeleint. Das soll sich nicht wiederholen, daher hält Herrchen seitdem Ausschau nach potentiellen Gegnern. Wird einer gesichtet, versteift sich Herrchens Körper, die Leine wird gestrafft und Bello wird eilig am vermeintlichen Konfliktherd vorbeigezogen. Gleichzeitig schickt Herrchen mit seinem Verhalten und durch seine sorgenvollen Gedanken ganz viel schwache und unsichere Energie über die Leine. Und Bello kann den Stress seines Menschen förmlich riechen.

 

Bello versteht die Welt nicht mehr. Warum hat Herrchen auf einmal Angst vor anderen Hunden? Es wird schon einen Grund geben. Ok, Herrchen braucht meine Unterstützung und zusammen sind wir stark. Dann fahren wir mal die Strategie "Angriff ist die beste Verteidigung". Also versteif ich mich besser auch gleich, wenn Herrchen sich versteift. Rein in die Leine und schimpfen was das Zeug hält. Herrchen schimpft nun aber mit Bello, erst beruhigend, dann immer lauter und aggressiver. Da denkt sich Bello: Wusst ich´s doch, Herrchen ist voll meiner Meinung und bellt mit. Und außerdem, Druck erzeugt Gegendruck. Der Zug an der Leine motiviert Bello noch mehr, nach vorne zu gehen. Und hätte Bello jetzt auch noch ein sogenanntes Würge- oder gar Stachelhalsband an, würde er unter Umständen die Schmerzen mit dem vermeintlichen Hunde-Gegner verknüpfen und die Aggressions-Spirale würde sich noch schneller drehen.

   

Daraus folgt:

Ist der Mensch in einer Situation ängstlich und unsicher, reagiert auch der Hund in der Regel ängstlich und unsicher, unter Umständen sogar angstaggressiv. Nicht nur unter Hunden ist Nervosität oder Unbeherrschtheit ein Zeichen der Schwäche. Wichtig ist daher für den Zweibeiner als souveräne Leitfigur, dass er immer eine ruhige und bestimmte Energie ausstrahlt, die dann an seinen Vierbeiner zurückfließen wird.  Dabei kann der Mensch seinem vierbeinigen Lügendetektor nichts vorspielen, solange seine innere Einstellung von Angst und Unsicherheit geprägt ist. Vielmehr gilt hier leider oft die Feststellung von Thomas Baumann: "Unsichere und nervöse Hundebesitzer gelten als Garanten für den kontinuierlichen Aufbau der Angst-Aggression". Aber keine Sorge, diese Spirale lässt sich mit einem geeigneten Trainings- und Maßnahmenprogramm 

durchbrechen.

Der Mensch sollte seinem Hund durch rechtzeitige ruhige Kommunikation und dirigierende Körpersprache glaubhaft machen, dass er bei ihm als souveränen Anführer in Sicherheit ist und dass er in der Lage ist, wenn es darauf ankommt, Konflikte für sich und den Hund zu lösen.

Orientiert sich der Hund in einer Konfliktsituation an seinem Menschen und verhält er sich ruhig, muss das Verhalten sofort bestätigt werden. Generell ist darauf zu achten, dass jedes Lob und jeder Tadel aus Überzeugung gegeben wird. Nur so zeigt der Mensch auch die dazugehörige Mimik und Körpersprache, die dem Hund hilft, seinen Zweibeiner besser zu verstehen.

 

Angst und Unsicherheit...


Es ist allzu menschlich, einem Hund, der Angst hat, verunsichert oder nervös ist oder irgendwie hilfsbedürftig erscheint, ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit und Zuneigung durch viele tröstende und beruhigende Worte zu schenken. Genauso menschlich ist es, einem Hund, der sich aggressiv verhält, heult oder bellt, durch beruhigende oder schimpfende Worte besonders intensive Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

 

Das kann bei Kindern funktionieren, die alt genug sind, den Inhalt der Worte zu verstehen. Die Vierbeiner verstehen den Inhalt der Worte jedoch nicht. Hunde orientieren sich auch hier an der Stimmung des Menschen, also u. a. am Klang, an der Frequenz, an der Lautstärke und an der Ausstrahlung der Stimme. Bei tröstenden, beruhigenden Worten wirkt die Stimme besonders weich, freundlich und oft wie ein Redeschwall. Sie kann daher bestätigend für das aktuelle Verhalten und vor allem wenig beruhigend auf den Hund wirken. Andererseits wirken schimpfende, zunehmend lauter und aggressiver werdende Worte in manchen Situationen eher motivierend auf den Hund. Nach dem Motto: Mein Mensch bellt mit und findet den anderen Hund (s.o.), den Jogger, das Auto etc. auch blöd.

 

Praxis-Beispiel:

Bella ist ein etwas instabiler Hund und in manchen Situationen reagiert sie unangemessen ängstlich und zurückweichend. Wie z. B. bei der Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auch wie neulich auf der Fähre. Frauchen macht sich Sorgen, da sich das Verhalten eher verschlimmert, obwohl sie in diesen Konflikt-Situationen besonders eingehend und beruhigend auf Bella einredet und sie außergewöhnlich viel und liebevoll streichelt.

Daraus folgt:
Die Angst oder Unsicherheit des Vierbeiners sollte ignoriert werden, jedoch nicht der Hund (wie oft empfohlen wird). Ruhe übertragen und Schutz bieten ist hier wichtig! Je nach Situation kann es helfen, dem Hund auf Augenhöhe zu begegnen und ihm sozialen Halt zu geben, indem der Mensch ihn ruhig "hält". Zusätzlich können langsame, lange Berührungen und ein konditioniertes Entspannungssignal in tiefer, leiser Stimmlage, die die Ruhe des Menschen auf den Hund übertragen, sinnvoll sein.

Ängstlichen Hunden hilft die soziale Sicherheit durch ihre Menschen in Form von ruhiger Stimmungsübertragung und Präsenz. Das soll dem Hund signalisieren: Ich bin bei dir, ich habe die Situation im Griff.

Um glaubhaft für den Hund zu sein, muss der Mensch sich in möglichst vielen Situationen des Alltags bereits als kompetente Führungspersönlichkeit erwiesen haben. Nur dann ist er in der Lage dem ängstlichen Hund die Sicherheit und Orientierung zu geben, die er unbedingt braucht.

 

Begrüssungsrituale...

Für Menschen gilt es als höflich, sich frontal zu nähern und sich beim Begrüßen direkt in die Augen zu schauen. Zumindest im privaten Bereich gibt es keine Regel, wer zuerst auf den anderen zukommen darf. Kindern oder niedlichen Hunden wird bevorzugt ohne Vorwarnung mit vorgebeugter Haltung über den Kopf getätschelt. 

 

Hunde untereinander würden genau dieses Verhalten als unhöflich oder sogar als Bedrohung empfinden. Sozialkompetente Hunde nähern sich meist in einem Bogen, gehen also nicht direkt aufeinander zu. Ein fixierender Blick wird in vielen Situationen als Provokation oder Bedrohung empfunden. Ein Abwenden des Blickes entschärft die Situation und meint "Ich will keinen Ärger". Besteht eine Rudelstruktur, gehen vorwiegend Rudelmitglieder beschwichtigend zum Rudelführer und nicht umgekehrt. Legt ein Hund dem anderen seine Pfote auf, ist das in der Regel als Dominanz-Geste zu verstehen.

 

Praxis-Beispiel:

Herrchen wundert sich, warum Welpe Strolchi immer öfters bei der Annäherung von fremden aber auch manchmal von vertrauten Personen unsicher zurückweicht. Bisher haben Strolchi doch alle Menschen so freudig begrüßt und ihm über sein süßes Köpfchen gestreichelt. Wich er zurück, versuchten sie Strolchi motivierend zum Weiterschmusen zu bewegen. Außerdem wollen die Rückruf-Übungen gar nicht so recht klappen. Kam Strolchi nicht gleich zu Herrchen, weil die Schnüffel-Stelle gerade so interessant war, nahm Herrchen eine frontale Körperhaltung ein, stemmte die Hände in die Hüften und seine Stimme wurde lauter. Strolchi machte sich klein und blieb lieber da, wo er war. Kam Strolchi schon nach der ersten Aufforderung, beugte sich Herrchen über ihn, gab ihm sein verdientes Leckerli und streichelte ihm von oben herab über seinen Kopf, um seiner Begeisterung noch mehr Ausdruck zu verleihen. Hierbei entging Herrchen ganz, dass Strolchi sich beim Loben klein machte, die Ohren anlegte und sein Körper eher zurückzuckte.

 

Daraus folgt:

Insbesondere bei nicht vertrauten Hunden und Welpen gilt: Nicht direkt und frontal nähern und Streicheleinheiten "aufzwingen". Besser warten, bis der Hund mit dem Menschen Kontakt aufnimmt. Dann den Kontakt erwidern, ohne den Hund in die Augen zu starren, jedoch auf Augenhöhe. Weicht der Hund zurück, macht sich klein, klemmt gar die Rute ein und/oder zeigt deutliche Konflikt-Reaktionen, sollte man ihn nicht locken, sondern in Ruhe lassen. Werden diese Warn-Signale ignoriert, kann Angst-Aggression die Folge sein. Verhält sich der Hund insgesamt übermäßig ängstlich oder angstaggressiv, sollte ein individuelles Maßnahmen- und Trainingsprogramm für Abhilfe sorgen.

Über den Kopf streicheln ist insbesondere für unsichere Vierbeiner in vielen Situationen unangenehm und im Zweifel fühlen sie sich bedrängt oder gar bedroht. Achten Sie immer auf die Körpersprache des Vierbeiners. Besser den Hund oder Welpen seitlich am Hals oder Körper streicheln. 

 

Es ist wichtig, dass Körpersprache und Stimme des Menschen mit dem gesprochenen Befehl übereinstimmen. Bei Rückruf-Übungen signalisieren Sie "Komm zu mir", indem Sie sich rückwärts bewegen und nicht mit "bedrohlich" aufgebauter Körperhaltung stehen bleiben oder sich gar auf den Hund zu bewegen, was eher "Bleib mir vom Leib" signalisiert. Insbesondere Welpen sollten in der Hocke, mit leicht zurück gebeugten Oberkörper empfangen werden. Da Hunde sehr anpassungsfähig sind, gewöhnen sich viele Hunde nach und nach an die teils bedrohliche Körpersprache des Menschen, manche Vierbeiner haben damit ihr Leben lang Probleme.

 

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