Hunde verstehen - Hundebegegnung

Hundebegegnung

Wichtige Lernerfahrung...

 

Für den Hund als Rudeltier ist der regelmäßige Umgang mit Artgenossen die Voraussetzung dafür, später ein sozialkompetentes und verträgliches Tier zu werden. Mit der Fähigkeit, Konflikte weitgehend ohne Aggression zu lösen. Die Begegnungen ermöglichen ihm, Kommunikationsverhalten wie Dominanz- und Unterordnungsgesten, Aggressionsverhalten und Beschwichtigungs-signale und vieles mehr zu üben. Er erhält die Chance, seine Grenzen kennen zu lernen, respektvolles Verhalten zu entwickeln und innerartliche soziale Bindungen oder Rangbeziehungen einzugehen. 

 

Dem Welpen wird dieser Kontaktanspruch in der Regel innerhalb und außerhalb von Spiel-Gruppen gern zugestanden. Kommt der Hund jedoch in die Reife, zeigt er häufig pubertär bedingtes Rüpelverhalten. Mancher Hundehalter nimmt nun verunsichert Abstand von den nicht mehr nur spielerisch anmutenden Hundebegegnungen. Er führt seinen Vierbeiner fortan an der kurzen Leine möglichst schnell am Objekt der Begierde vorbei. Aber genau hier kann ein Teufelskreis entstehen. Zum einen bleibt die Entwicklung der innerartlichen Kommunikation auf der Strecke und zum anderen kann sich durch den weitgehenden Verlust der wertvollen Ressource Sozialkontakt frustmotivierte Aggression gegen passierende Artgenossen entwickeln.

 

Der Mensch als Entscheidungsträger...

 

Sozialkontakte zu Artgenossen sind wichtig, aber: Der Mensch als Anführer bestimmt, wann sie stattfinden und kontrolliert den Ablauf. Der Hund soll nicht lernen, je stärker er zieht und je größer der Rabatz, desto schneller komme ich ans Ziel. Nur ruhiges Verhalten und eine lockere Leine sollten zum Erfolg führen. Insbesondere der Junghund sollte eine klare Freigabe seines Menschen abwarten.  Zudem sollte der Vierbeiner jederzeit aus dem Spiel oder einer Interaktion heraus abrufbar sein..

 

Rauferein beginnen oft im Kopf des Menschen...

 

Vorsicht Stimmungsübertragung: Gerät der Hundebesitzer schon bei Erspähen einer Hunde-Silhouette in Alarmbereitschaft, überträgt sich diese Stimmung sofort auf den Hund. Meist bleibt dieser Hundehalter bei der Begegnung dann auch noch wie angewurzelt neben seinem Hund stehen und beäugt das Zusammentreffen mit großer Sorge. Versteifte Körperhaltung und negative Stimmung und Energie seines Menschen signalisieren dem Hund, dass hier etwas faul sein muss. Das erhöht das Risiko, dass es zu aggressiven Handlungen kommt. 

 

Eventuell haben Hund und/oder Halter schlechte Erfahrungen mit einer bestimmten Rasse gemacht, so ist es umso wichtiger, dass freundliche Tiere dieser Rasse den Hund und den Halter "rehabilitieren". Ansonsten besteht die Gefahr, dass der Hund stärkere Aggressionen gegen bestimmte Artgenossen entwickelt, weil er deren Anwesenheit mit dem Stress seines Hundeführers verknüpft. Daher ist es wichtig, Ängste abzubauen und dem Hund und sich selbst eine neue Chance zu bereichernden Sozialkontakten zu geben. Je entspannter und gelassener die Hundeführer vor und während einer Hundebegegnung sind, desto entspannter sind auch die Vierbeiner. Das sind die besten Voraussetzungen für eine friedliche Begrüßung auf Hundeart.

 

Selbstverständlich gibt es auch Fälle, bei denen eine Hundebegegnung vermieden werden sollte. Entweder bei besonderer Unverträglichkeit einer oder beider Tiere. Hier kann eine gut geführte Raufergruppe unter Umständen Abhilfe schaffen. Oder wenn der Hund gar nicht das Bedürfnis hat, mit seinem Artgenossen Kontakt aufzunehmen. Hier spielen 

z. B. Alter, Geschlecht, Rasse, Charakter, bisherige Erfahrungen oder auch gesundheitliche Einschränkungen eine Rolle. Die anderen Hunde sind dann weder als Spielkamerad noch als Sparringspartner zum Kräftemessen interessant. Tiere, die nichts miteinander zu tun haben wollen und sich ignorieren, sollte man keinesfalls zu ihrem vermeintlichen Glück überreden. 

 

Rüde trifft Rüde...

 

Treffen sich zwei sozialisierte erwachsene Hunde, läuft die Begegnung meist harmlos ab. Insbesondere Rüden, die sich in Alter, Größe und Dominanzverhalten ähnlich sind, imponieren gern um die Wette. Sie nähern sich oft im Bogen mit steifem Gang, erhobener Rute und gesträubtem Nackenfell, um sich so groß wie möglich zu präsentieren. Sie laufen herausfordernd umeinander herum und beschnüffeln sich gegenseitig. Nach der "Qualitätskontrolle" gehen sie meistens ihrer Wege ohne sich weiter füreinander zu interessieren.

 

Heranwachsende Rüden im Alter zwischen ca. 7 Monaten und zwei Jahren sind hingegen in der Rüpelphase, in der sie gerne ihren Marktwert über Schaukämpfe testen. In den so genannten Kommentkämpfen geht es dann mitunter sehr laut und aggressiv zu, bis einer signalisiert "Ok, ich gebe auf, du bist der Stärkere", indem er sich zurückzieht oder gar unterwirft. Bei einer Unterwerfung muss der Unterlegene dann so lange regungslos, den Blick abgewandt auf dem Rücken liegen bleiben, bis sich der Überlegene von ihm zurückzieht. Das ist normales Halbstarken-Verhalten und sollte sich nach den ersten drei Lebensjahren wieder legen. In den allermeisten Fällen ist die Rauferei harmlos und die Hunde tragen keine Verletzungen davon, auch wenn Herrchen oder Frauchen angst und bange beim Zusehen wird. In der Regel gilt: Je lauter es zugeht, desto ungefährlicher. Vielmehr fördert die Erfahrung einer richtigen Unterwerfung im Junghund-Alter das angemessene soziale und respektvolle Verhalten bei späteren Auseinandersetzungen.

 

Hündin trifft Hündin...

 

Glücklicherweise sind Kämpfe zwischen Hündinnen eher selten. Aber wenn, dann sind diese oft gefährlicher als zwischen Rüden, die vorwiegend nur lautes Getöse veranstalten. Vor allem während der Läufigkeit kann es zu sexuell motivierter Konkurrenzaggression kommen, wobei Hündinnen am Anfang der Hitze besonders reizbar sind. Hündinnen können gnadenloser sein, da sie kein Revier verteidigen, sondern ihre Welpen, auch wenn sie keine haben. Daher sollte man die Hunde sofort trennen, wenn es zur Beißerei kommt. Mehr dazu weiter unten.  

 

Hunde an der Leine...

 

Zwei wichtige Punkte im Verhaltenscodex unter Hundehaltern lauten: Einen unangeleinten Hund lässt man nicht zu einem angeleinten Hund laufen und zwei kurz angeleinte Hunde lässt man möglichst nicht interagieren. Die Gefahr, dass es zu (angst)aggressivem Verhalten kommt, steigt ansonsten extrem an. Das hat mehrere Gründe:

 

1. Der kurz angeleinte Hund kann nur sehr eingeschränkt körpersprachlich kommunizieren. Er kann sich z. B. nicht klein machen, um zu beschwichtigen, wenn er an der Leine hochgezogen wird. Er kann nicht ausweichen oder flüchten, denn die Distanz zum anderen Hund bestimmt die Leinenlänge. So kann es leicht zu kommunikativen Mißverständnissen kommen.

2. Der Hund fühlt sich mit Herrchen/Frauchen stärker und überschätzt sich leicht mit dieser Rückendeckung.

3. Besetzt der Mensch nicht klar die Position des Anführers, der in der Lage ist, Konflikte für sich und seinen Hund zu lösen, bzw. besitzt der Vierbeiner einen starken Schutztrieb, fühlt er sich unter Umständen in der Pflicht, Herrchen/ Frauchen zu verteidigen.

4. Ist ein Hundehalter mit der Begegnung nicht einverstanden, überträgt sich sein angespanntes Verhalten auf seinen Hund. Zug an der Leine motiviert eher noch zum Angriff, denn Druck erzeugt Gegendruck.

5. Ist ein Hund angeleint, kann es dafür gute Gründe geben: Läufigkeit, Krankheit, Operationswunden, Unverträglichkeit, es wird gerade trainiert, mangelnder Gehorsam, Angsthund etc. Passend zu dem Thema gibt es die Initiative  "Der gelbe Hund" . Mehr dazu finden Sie hier: http://www.gulahund.de/

6. Last but not least haben weder spielwillige Hunde noch ihre Menschen wirklich Spaß, wenn es zu Kabelsalat an den kurzen Leinen oder gar Flexileinen kommt.

 

Am besten verständigen sich beide Hundehalter untereinander, während sie ihre Vierbeiner unter Kontrolle haben. Stimmen beide einer Hunde- Begrüßung zu, gibt man die Hunde gleichzeitig frei. Hierbei spricht natürlich nichts gegen den Einsatz einer leichten Schleppleine bei Badarf. Klappt der Rückruf noch nicht zuverlässig, ist sie sogar sehr zu empfehlen.

 

Richtiges Verhalten des Hundeführers...

 

Abstand: Von Ausnahmen abgesehen, ist zu empfehlen, dass sich die Hundebesitzer nicht - wie so oft fälschlicherweise praktiziert - direkt neben den Hunden aufhalten, sondern einfach weiterlaufen und die Begrüßung von ein paar Meter Entfernung beobachten. Das signalisiert einem Gernegroß, dass er auf sich allein gestellt ist. Es heißt also nicht "Zwei gegen Einen" und es heißt auch nicht  "Ich muss mein Herrchen/Frauchen verteidigen". Unsichere Hundehalter vermeiden zudem die Übertragung von Stress und Angespanntheit auf den Hund. Und nicht zuletzt bewirkt es, dass der Vierbeiner meist viel schneller wieder zu Herrchen/Frauchen eilt, um den Anschluss nicht zu verlieren.

 

Mobbing: Bei unfairem Verhalten oder Mobbing sollte der Mensch allerdings regulierend eingreifen. Stürzen sich mehrere Hunde auf einen Schwächeren, der sich sichtlich unwohl fühlt und/oder jagen ihn, muss das sofort abgebrochen werden. Unterwirft ein überlegener Hund einen Schwächeren und lässt ihn nicht mehr aufstehen, indem er immer wieder nachsetzt, kann das nicht toleriert werden. Insgesamt muss auf das Ausdruckverhalten des vermeintlichen Mobbing-Opfers im Gesamt-Zusammenhang geachtet werden. Klemmt der Schwächere die Rute permanent ein, legt die Ohren an, duckt sich, leckt sich ständig die Schnauze, und kommt aus eigener Kraft nicht mehr aus der Situation heraus, muss unterstützend eingegriffen werden. Zumal erfolgreiche Mobber ihr Verhalten verstärkt zeigen und zu Dauer-Mobbern werden können, was unbedingt zu verhindern ist. 

 

Spaß am Spiel zeichnet sich durch einen Rollentausch unter den Beteiligten aus: Einmal wird der eine gejagt, einmal lässt sich der andere jagen, mal dominiert der eine die Situation mal der andere. Das heißt, ein vermeintlich Stärkerer spielt den Unterlegenen und umgekehrt. Vergeht also merklich einem Hund der Spaß und will die Interaktion mit deutlichen Gesten beenden, der andere lässt das aber nicht zu und stürzt sich immer wieder auf ihn, sollte der Mensch eine Auszeit verordnen. Wichtig ist, dem außer Gefecht gesetzten Mobber dann keine Aufmerksamkeit zu schenken (weder schimpfen, noch beruhigen etc.), das kann dazu führen, dass er sich in seinem Verhalten bestätigt fühlt. Begegnungen mit souveränen, wesensstarken Hunden in den nächsten Tagen würden ihm dagegen ganz gut tun.

 

Kommentkampf: Kommt es zu einem lauten aber harmlosen Schaukampf (s.o.), sollten beide Besitzer die Nerven bewahren und die Machos ihre Kräfte messen lassen. Greift man nicht ein, ist die Show schnell beendet und in der Regel geht einer als "Sieger" hervor. Beim nächsten Treffen wäre die Frage des Stärkeren dann also geklärt und wird meist auch so respektiert.

 

Ernstkampf: Es kommt zwar sehr selten vor, aber ein Kommentkampf kann auch in einen Ernstkampf übergehen. Sei es aus einem körpersprachlichen Missverständnis heraus, sei es aus mangelnder Sozialisation (s. o.) oder aus für den Menschen nicht immer ersichtlichen Gründen. Zu erkennen ist der Ernstkampf daran, dass es plötzlich ganz still wird. Das Knurren oder Bellen verstummt, und alle drohenden und imponierenden Gebärden werden eingestellt. Beide Gegner versuchen in verletzbare Körperteile wie Hals und Bauch zu beißen und den anderen zu beschädigen. 

 

Trennen: Egal, ob es sich um männliche oder weibliche Kontrahenten handelt, beim Ernstkampf sollte man die Hunde möglichst sofort trennen. Insbesondere, wenn ein Hund körperlich deutlich unterlegen ist. Das ist leichter gesagt, als getan. Falsch ist es jedenfalls, die Hunde am Halsband zu packen, denn das macht sie noch aggressiver. Sinnlos ist es auch, zu rufen oder zu schreien, das wirkt ebenfalls eher anstachelnd. Ruhe bewahren ist das einzig Richtige. Natürlich auch wieder leichter gesagt, als getan.

 

Lassen sich die Hunde nicht mehr abrufen, werden beispielsweise folgende Methoden als sinnvoll diskutiert. In der jeweiligen Situation muss jeder individuell entscheiden, welche davon praktikabel erscheint: 1. Beide Hundeführer packen die Hunde zeitgleich an den Hinterläufen, heben sie hoch und schieben sie ein Stück nach vorne. Der Überraschungseffekt lässt die Hunde kurz die Kiefer öffnen. Dann ziehen die Besitzer die Hunde gleichzeitig in der Schubkarrenstellung zurück, was die Hunde erst einmal ziemlich hilflos macht. Die Hunde werden sofort weggedreht, um erneuten Blickkontakt zu vermeiden und angeleint. Nachteil: Diese Methode ist nur durchführbar, wenn beide Menschen gleich schnell und gut reagieren, was gerade bei großen Hunden im Getümmel nicht einfach ist. Das Risiko besteht, dass die Hunde im Eifer des Gefechts ihre Menschen beißen, sollten diese die Hunde nicht richtig zu packen kriegen. 2. Wasser über die Kontrahenten schütten. In der Schrecksekunde die Hunde packen, Blickkontakt verhindern und anleinen. Nachteil: Leider steht nicht immer ein Schlauch oder Wassereimer bereit. 3. Eine Decke, Jacke oder Mantel auf die Hunde werfen und hoffen, dass sie so verwirrt sind, dass man sie trennen kann. Blickkontakt verhindern und anleinen. 4.  Mit einem Stück Holz dazwischengehen. Hat sich einer der Hunde festgebissen, kann man versuchen, sein Maul mit Hilfe eines Stockes aufzuhebeln, während der andere Hundebesitzer seinen Hund schnell wegzieht. 5. Pfefferspray kann helfen, die Kämpfer zu trennen. Besonders, wenn man alleine ist. Gegebenenfalls auf die Windrichtung achten!

 

Konsequenz: Wichtig ist, dass man dem Hund anschließend so wenig wie möglich Aufmerksamkeit schenkt. Weder beruhigen, trösten, noch schimpfen, noch auf oder in den Arm nehmen etc. Das kann dazu führen, dass sich der Hund in seinem aggressiven Verhalten bestätigt fühlt. Vielmehr sollte man den Streithahn am Nacken auf den Boden drücken und eine Zeit lang in dieser Position festhalten bis er sich entspannt, um klar zu signalisieren, dass man diese unangemessene Aggression nicht duldet. Hier muss aber jeder Hundeführer selbst entscheiden, zu was er sich in der Aufregung in der Lage fühlt. Denn wenn diese Disziplinierungsgeste halbherzig und nicht souverän durchgeführt wird, kann sie auch das Gegenteil bewirken.

 

Im Endeffekt entscheidet das menschliche Leittier, wann und mit wem gekämpft wird. Abgesehen von harmlosen Schaukämpfen sollte man unangemessene Aggressionen, die gar ernste Verletzungen provozieren können, selbstverständlich in keinster Weise tolerieren. Die Schleppleine kann dem Zweibeiner beim Managen von Hundebegegnungen gute Dienste leisten. Folgt der Vierbeiner den Anweisungen seines Menschen nicht, sollte mitunter das Status-Verhältnis zwischen Mensch und Hund überprüft werden. 

 

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