Hunde verstehen - Ausdrucksverhalten

Ausdrucksverhalten beim Hund

Nur das Gesamtbild zählt...


Hunde kommunizieren überwiegend über optische und geruchliche Signale. Lautsignale wie Bellen oder Knurren werden nur ergänzend eingesetzt und haben sich erst mit der Domestikation weiter entwickelt. Sie benutzen ihren ganzen Körper, um Signale zu senden. Die Ausdrucksveränderungen im Gesicht des Hundes (Mimik) werden durch die Augen, Ohren, Stirn, Maulspalte (Lippenstellung) und den Nasenrücken bestimmt. Die Gestik ergibt sich aus der Körperhaltung, Körperbewegung, Kopfhaltung, Rutenstellung und Rutenbewegung. Diese verschiedenen Ausdruckselemente sind sehr fein differenziert und lassen nur im Gesamtbild richtige Rückschlüsse zu. Zum Beispiel verfügt der Wolf über ca. 60 verschiedene Mimiken, hinzu kommt die Körpersprache. Durch Domestikation und Zuchtselektion hat sich die Mimik unserer Hunde reduziert. Je nach Rasse verfügen sie über 8 bis 40 Mimiken.

 

Beruhigung oder Beschwichtigung?...


Was sind Beruhigungs- oder Beschwichtigungssignale? Was sind Übersprungs-handlungen? Selbst unter Fachleuten ist man sich nicht immer über die Abgrenzung und die Inhalte dieser Bezeichnungen einig. Neue wissenschaftliche Beobachtungen sorgen ab und an für neue Definitionen der Begrifflichkeiten.

 

Sicherlich kann man das Ausdrucksverhalten von Wölfen als den Vorfahren unserer Hunde nicht eins zu eins auf unsere Vierbeiner übertragen. Das Ausdrucksrepertoire der wilden Tiere ist subtiler und umfangreicher. Aber in den Grundzügen ist es unseren Vierbeinern, insbesondere bei guter Sozialisation erhalten geblieben. Verhaltensbeobachtungen an wild lebenden Wölfen beschreibt der renommierte Wolfsforscher Günter Bloch wie folgt:

 

Beruhigungssignale (Calming Signals) senden Ranghöhere an Rangniedere. Sie sollen beruhigen, stabilisieren, entschärfen, Vertrauen in einer Situation bilden.

Beispiel: Kopf wegdrehen und Blick abwenden in neutraler, jedoch souveräner Körperhaltung.

 

Beschwichtigungssignale (Appeasement Signals) senden Rangniedere an Ranghöhere. Sie sind Unterwürfigkeitsbekundungen.

Beispiele: Sich klein machen, Kopf und/oder Körper absenken. Blick abwenden. Maulwinkel-Lecken, Schnauzen-Stoßen.

 

Übersprungshandlung...


Bei einer Übersprungshandlung wird die Aktionsenergie einer gehemmten Handlung in eine andere Handlung kanalisiert.

 

Die Definition des bedeutenden Ethologen Nikolaas Tinbergen lautet: 

Übersprungshandlung ist ein Verhalten als Ausdruck eines Konfliktes zwischen zwei Instinkten. Deswegen ist die Fortführung des zuvor beobachtbaren Instinktverhaltens zeitweise nicht möglich und stattdessen wird eine Verhaltensweise gezeigt, die aus einem völlig anderen Funktionskreis des Verhaltensrepertoires stammt.

 

Beispiele: Flocki zwickt Frauchen, die ihn auf den Arm nimmt, um ihn vor dem großen Hund in Schutz zu nehmen. Flocki will seine Anspannung eigentlich bei dem Hund, der für ihn nicht erreichbar ist, abladen. Also muss ersatzweise der Arm von Frauchen herhalten, weil der gerade in der Nähe ist. Oder: Felix jagt einen Jogger und verbellt ihn. Das Bellen - anstelle die "Beute" zu packen - kann hier eine Übersprungshandlung sein.

 

Konflikt-Reaktionen...


Um nicht Gefahr zu laufen, ein Verhalten falsch zu betiteln - was je nach wissenschaftlicher Grundlage schnell passieren kann - konzentriere ich mich nachfolgend auf die Beschreibung der Konflikt-Signale beim Hund. Denn bei allen der oben genannten Verhaltensweisen ist der Auslöser eine Konflikt-Situation.


Konflikt-Reaktionen

  • sind indirekte Zeichen vorübergehend erhöhter Aufmerksamkeit und Aktivierung des Organismus
  • signalisieren eine Alarmbereitschaft
  • sind die Vorstufe einer Stresssituation
  • sind vereinzelt schon ab der fünften Lebenswoche erkennbar 
  • stellen aber erst ein Warnsignal durch erhöhte Häufigkeit, Intensität und Dauer des Verhaltens dar
  • sollten immer im Gesamt-Zusammenhang beurteilt werden

Zeigt der Hund vermehrt, intensiv und dauerhaft Konfilkt-Signale, sollte man ihm - bei was immer er gerade tut - eine Pause gönnen und/oder ihn ruhig aber bestimmt aus der Sress-Stiuation herausnehmen.

Züngeln als Konfliktreaktion

Beispiele für Konflikt-Reaktionen: 

  • Züngeln (sich selber über das Maul lecken)
  • Blinzeln
  • Wegsehen 
  • Blickwendungen
    (in mehrfacher Folge bei angespannter Körperhaltung)
  • Gähnen (sich selber beruhigen / Stress abbauen)
  • Fellschütteln (Anspannung wegschütteln)
  • Fellkratzen (Verlegenheitsflöhe)
  • Pföteln
  • Schnüffeln (Ausarbeiten von imaginären Spuren) 
  • Laut äußern (Fiepsen, Winseln, Bellen, Kläffen)
  • Strecken und Dehnen (Vorderkörper-Tiefstellung als Entspannungsübung)
  • Lefzenplustern
  • Niesen (Erregung, freudige Anspannung)
  • Peniserektion
  • Urinieren (Aufregung kann auf die Blase schlagen) / Markieren
  • Apportieren
  • Beißen in Objekte
  • Grassfressen
  • Wassersaufen
  • Scharren und Graben
  • Hin- und Herspringen
  • Lauer-Liegen
  • Aufreiten
  • Vorstehen (Vorderpfote anheben und erstarren)

Stärkere Erregung zeichnet sich aus durch

  •  Hecheln
  •  Speicheln
  • Körperzittern
  • Zähneklappern
  • Bewegungsunruhe
  • Bewegungsstarre
  • Krampfartige Versteifung der Muskulatur
  • Schwanzwedeln (freundlich oder aggressiv gestimmt)
  • Aufgestellte Haare
  • Schreckhaftigkeit

(nach "Schweizer Hunde Magazin" Sonderdruck 1/2002)

 

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